Um was geht es?
In der Wirtschaft nennt man es Innovationen, im Bereich der Schulentwicklung heißt das Wort "Reformen". Kaum ist eine Reform halbwegs durchgeführt – statistisch natürlich in den entsprechenden Regierungsebenen gut ausgewertet –, erfolgt bereits die nächste Anpassung oder Reform. Die Evaluationsergebnisse der letzten Reform werden – allein schon aus politischen Gründen – auf eine Goldwaage gelegt und möglicherweise zerredet, bis von dem damaligen Vorhaben kaum noch etwas übrig bleibt. Es erinnert an das feudalistische System im Mittelalter, wo Machthaber definieren, was gut für die Untergebenen ist. Natürlich ohne mit den Untergebenen über deren Bedürfnisse und deren Probleme zu sprechen. "… Wir wissen schon, was gut für das System ist!?"
Das Bildungssystem in der Bundesrepublik ist einer der größten Spielbälle für Politiker, um sich dort zu verewigen. Das System als solches ist kaum noch steuerbar und in vielen Fällen von den jeweiligen Parteiinteressen beeinflusst. Pisa lässt grüßen.
Schulleiter und Schulleiterinnen und natürlich die Lehrerinnen und Lehrer müssen sich bei ihrer Berufsausübung damit auseinandersetzen, die gerade aktuellen Sichtweisen der Bildungspolitiker aufzunehmen und zu verarbeiten, wie Schule und Lehre zu funktionieren haben. Je nach Persönlichkeit des betroffenden Menschen und unter Berücksichtigung des Lebensalters eines Schulleiters oder Lehrers werden diese Herausforderungen akzeptiert oder schlicht und einfach negiert. Der persönliche Identitätsverlust eines engagierten Lehrers ist damit vorprogrammiert und es ist nicht verwunderlich, dass es menschliche Reaktionen auf Veränderungsnotwendigkeiten gibt, die teilweise irreparabel sind. Bedenklich ist aber der Zustand dann, wenn dieser Identitätsverlust von den betroffenen Lehrerinnen und Lehrern verleugnet wird, und damit eine externe Unterstützung kaum ermöglicht wird. "Nein – es ist nicht so". Die Flucht in Krankheiten oder Entzug aus dem Diktat des Systems ist nicht selten.
Veränderungen im Schulsystem oder in der Art und Weise, wie Lehrpläne umzusetzen sind, werden häufig genug "abgewickelt". Zitat: "… wir haben seit Jahren etliche Schulminister und die entsprechenden neuen Vorgaben erlebt und werden auch den nächsten Ansatz noch überstehen". Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier von einer Konditionierung von Lehrerinnen und Lehrern gesprochen werden kann.
Ja-aber, Nein-aber
Es ist eine häufig zu beobachtende Eigenart des Berufsstandes des Lehrers, spontan nicht zu verarbeitende Situationen oder Vorgaben zur Veränderung von Abläufen, von Unterricht etc., hinsichtlich der eigenen Reaktion darauf dadurch zurückzustellen, dass eine routinierte "Infragestellung" der entsprechenden Situation oder Vorgabe erfolgt. „Nein – jetzt nicht; Ja – aber später …“. Im Prinzip wird damit die Reaktanz, also der Widerstand gegen jegliche Veränderungen, sowohl in der persönlichen Einstellung zum Berufsbild, als auch in der Aufgabenstellung des Lehrers, als auch im Mitdenken dokumentiert. Andererseits wird im Extrem glorifiziert, was bei der Ausübung des Berufes selbst geleistet wird. Zitat: "es ist meine Klasse, ich mache die Tür zu, alles andere interessiert mich nicht!".
Anregungen zur Verbesserung der Didaktik, Anregungen zu gegenseitiger Lehrer-Hospitation, Anregungen zur teamorientierten Arbeitsorganisation werden zu häufig nicht wahrgenommen und demzufolge auch nicht verarbeitet und erst recht nicht umgesetzt. Die Kritik oder die Anregung, insbesondere, wenn sie von Menschen erfolgt, die keine pädagogische Ausbildung haben und von außen auf die Zustände blicken, wird nicht immer akzeptiert oder sogar abgelehnt. Der Grund ist in vielen Fällen darin zu suchen, dass der Konflikt des Schulleiters oder der Lehrerin darin besteht, sich von bisher sichereren praktizierten Routinen im Schulalltag zu trennen und sich auf das Glatteis der Unsicherheit zu begeben. Aber nur Unsicherheit erzeugt die Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten! Es gilt der Spruch: „Wenn du ein neues Ufer erreichen willst, muss du das alte Ufer erst verlassen!“
Der oft durchgeführte Vergleich der Arbeitsaufgabe eines Lehrers oder eines Schulleiters mit denjenigen Aufgaben, die in der Wirtschaft von Betriebsleitern oder von Managern/Führungskräften durchgeführt werden, ist nur teilweise zutreffend. Die jeweiligen Klischees verhindern eine objektive Gegenüberstellung. Der Beamtenstatus schafft Sicherheit (in welchem Umfang auch immer) hinsichtlich der Vorhersehbarkeit für die Zukunftsplanung. Andererseits bedeutet es auch für Lehrer zu lernen, dass dies wohl nicht in alle Ewigkeit so bleiben wird. Der Einfluss der demografischen Entwicklung wird sich in einigen Schulformen, in einigen Regionen negativ auf die Zukunftsplanung von Lehrern und natürlich auch von Schulleitern auswirken. Es ist folglich also notwendig, die eigene Situation in diesem Berufsstand nicht mehr als unverrückbar und festgeschrieben aufzufassen, sondern sowohl eine regionale als auch eine fachorientierte Beweglichkeit zu überdenken. Selbst verändern, bevor verändert wird!
Die psychosoziale Belastung von Lehrern wird zukünftig steigen.
In einigen Schulen werden beispielsweise Klassenfahrten nur noch auf besondere Anforderung durchgeführt, weil Lehrerinnen und Lehrer nicht in der Lage sind, die gesetzlich gegebenen Verantwortungen übernehmen zu können. Die Aufsichtspflicht bei Klassenfahrten stellt ein großes Hindernis dar, mit voller Freude und vollem Engagement den Schülern die Klassenfahrt so angenehm wie möglich zu gestalten. Ausrutscher von Schülerinnen und Schülern durch Alkoholmissbrauch und Gewaltbereitschaft spielen dabei eine große Rolle. Lehrer haben eine 24 h Aufsichtspflicht, der sie im Prinzip in der heutigen Zeit kaum noch gerecht werden können. Eltern fordern von den Lehrern mehr und mehr Erziehungsaufgaben ab, die sie selbst nicht mehr leisten können oder leisten wollen. Erziehung wird demzufolge "outgesourced", d.h. es wird an Institutionen außerhalb der Familie delegiert.
Es ist müßig, auf den Migrationshintergrund einiger Schüler als Problemfeld einzugehen, um die psychosoziale Belastung von Lehrern in Grundschulen und Realschulen und selbstverständlich auch in anderen Schulformen zu beschreiben. Dies findet ausreichend in den Medien statt.
Depressionen bis hin zu Borderline, Burn-out-Syndromen oder sonstige psychische Erkrankungen werden in Zukunft mehr und mehr in das Berufsbild der Lehrerinnen und Lehrer einzuordnen sein. Insbesondere für diejenigen, die mehr als 20 oder 30 Jahre in diesem Beruf arbeiten. Das Problem besteht in vielen Fällen darin, dass der entsprechende Mensch zu der Erkenntnis gekommen ist, fremdbestimmt zu sein und nur noch zu funktionieren. Applaus und Anerkennung erfolgt häufig lediglich durch die Bestätigung gute Klassenergebnisse erreicht zu haben. Anerkennung aus dem Bereich des Kollegiums oder von der Schulleitung erfolgt nicht oder wird auch nicht wahrgenommen. Folglich bleibt nur die Flucht in die Absonderung oder die überzeichnete Suche nach Applaus und Bestätigung. Ein weiterer Konflikt besteht darin, die Work-life-balance, also den Ausgleich von Arbeit und Privatleben so zu organisieren, dass man beiden Seiten gerecht wird. Grundlage für eine Verbesserung der Situation ist allerdings, sich zu den entsprechenden Defiziten zu bekennen, sich zu öffnen und Unterstützung anzufordern. Emotionale Faktoren wie Angst, Erkenntnis von Überforderung, berufliche Sinnkrisen, Konfliktunfähigkeit und die Unfähigkeit, diese Faktoren zuzugeben, machen die Einleitung von Verbesserungsbemühungen fast unmöglich. Der in Wirtschaftssystemen bekannte Spruch trifft auch für die Selbsteinschätzung und Selbstpositionierung von Lehrern zu: "… wir müssen zunächst unsere Einstellungen ändern, damit wir unser Verhalten ändern können. Wenn wir unser Verhalten ändern können, wird sich auch unsere Produktivität verbessern ". Damit ist letztendlich gemeint, dass die Effizienz in der Ausübung des Berufes im wesentlichen darauf beruht, die externen – und auch die internen – Einflüsse verarbeiten zu können und zu wollen. Eine Konzentrationsleistung, die nicht jeder Lehrer oder jeder Schulleiter ohne externe Unterstützung zu vollbringen in der Lage ist.
Bei der Berufsausübung treten bei einigen Lehrern in unterschiedlichem Umfang komplexe Ängste auf. Primär ist hier die Versagensangst anzuführen, nicht mehr in vollem Umfang in der Lage zu sein, den Lehrstoff richtig zu verarbeiten und damit gute Ergebnisse bei den Schülern zu erreichen. Weiterhin: Ängste vor Schikanen von Schülern und Eltern, Existenzängste, Ängste vor Überwachung durch Vorgesetzte (s.a. Qualitätsanalyse) oder auch die Angst davor, etwas tun zu müssen, wofür die eigene Überzeugung oder Einsicht fehlt. Eine innerschulische Evaluation mit entsprechend ausgearbeiteter Checkliste kann hier Klarheit erzeugen. Aber nur dann, wenn sowohl die Schulkultur hinsichtlich der Offenheit und der Ehrlichkeit als auch die Überzeugung, dass sich etwas ändern wird, stimmt. Andernfalls trifft hier die Angst vor Offenbarung zu.
Gibt es Auswege?
Vielleicht? Bei der Ausbildung von Lehrern sollte intensiver darauf hingewirkt werden, dass in Zukunft nicht nur allein der pädagogische Auftrag zu verfolgen ist, sondern mehr und mehr auch ein sozialer Ansatz innerhalb des Kollegiums (wir sind ein Team!?) sowie die Arbeit mit den Eltern und die Arbeit in Arbeitsgruppen oder Steuergruppen. Der Paradigmenwechsel besteht darin, sich vom „Einzelkämpfer“ zum „Teamplayer“ zu entwickeln. Dazu sind auch Änderungen der Arbeitstechnik, Optimierungen bei der Nutzung von Lehrmitteln und die Aktivierung von Internet und Intranet zu beachten.
Wer würde als Kollegiumsmitglied schon bestätigen wollen, dass die Zusammenarbeit an gemeinsamen Aufgaben im Kollegium nicht gut funktioniert? Eigene Ansprüche an die Kollegen stehen gelegentlich der Realität gegenüber, dass ein wirklicher persönlicher Teamansatz nicht besteht. (Hinweis: Ein Team hat ein freiwillig gemeinsam vereinbartes Ziel und benötigt wenig Regelmechanismen, eine Gruppierung dagegen benötigt Regeln und Vorgaben, um arbeiten zu können.) Der kollegiale Verweigerer, der ewige Nörgler, der übersensible Kollege, der "alles infrage stellende Kollege", der Kollege mit dem süffisanten Sarkasmus, der Oberbesserwisser, Frustrierte etc., ist nahezu in jedem Kollegium wiederzufinden. Wie überall. Ebenso wie die nachhaltig aus Überzeugung engagierten Lehrer!
Hinweis zur nachfolgenden Grafik
Ein wesentlicher Aspekt bei der Einschätzung der Arbeit von Lehrern ist die Kritikfähigkeit. Es gibt etliche Literaturhinweise zur Fragestellung "... wie kritikfähig Lehrer sind oder sein sollten". Weder bei Ärzten oder Krankenschwestern oder sonstigen Berufen, die sich mit Menschen beschäftigen, ist die Frage zur Kritikfähigkeit als auch die Konfliktfähigkeit so ausführlich behandelt. Warum ist das so?
Fähigkeiten zur Selbstreflektion, zum Annehmen von außerschulischen Hilfestellungen werden aus Selbstschutzgründen oder mit leichter Arroganz ausgeschlagen, weil es Unsicherheit erzeugt. Aber nur aus Unsicherheit entsteht Innovation und Fortschritt, nicht aus der Perfektionierung des Bestehenden.
Statistik zur Situation von Lehrern
Wird fortgesetzt.
Lehrer leiden leise
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© UPD Unternehmensberatung Dr. Deubel
Im Text wurde aus Gründen der Lesbarkeit weitgehend darauf verzichtet, die weiblichen Formen von Managern, Mitarbeitern, Lehrern, Schulleitern etc. zu nennen. Natürlich sind sie auch gemeint.
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Kommentar "Lehrer leiden leise"
10 Kommentare
03.05.2012
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01.05.2012
03:49
Tiffany
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Unter dem Titel And the winner is IMUREK habe ich seoebn meine eigenen leidvollen Erfahrungen notiert und stodfe seoebn bei meiner Recherche auf diesen Artikel.Ich bin auch ein Opfer dieser Rabattvertre4ge geworden. Allein fehlt mir der Glaube, dass Appelle des Bundesrates an der zur Zeit verwendeten Praxis etwas e4ndern.Patientenrechte? nach dem heutigen Gespre4ch mit meiner KK mit Ffcdfen getreten.- Leider -
01.05.2012
03:10
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30.04.2012
19:20
Suckhwan
E-Mail
Hallo ihr beiden!Da habt ihr euch mal wieedr richtig ins Zeug gelegt und richtig nett und schf6ne Fotos gemacht. Ich selber habe auch welche gemacht, die sind aber nicht mit euren zu vergleichen, ihr kf6nnt das einfach.Ich glaube die ganze Aktion war eine der besten von RUHR 2010. Jeder konnte mal das Geffchl erleben, wie es ist auf einer Autobahn zu flanieren und diese Geffchl sieht man sehr schf6n auf den Fotos. Die Menschen aus dem Pott, haben der ganzen Welt gezeigt, was man alles mit einer Autobahn machen kann. Natfcrlich kam die Kultur nicht zu kurz. Es wurde auf der Autobahn nicht nur mit dem Fahrrad geradelt, was teilweidfe kaum mf6glich war sondern auch gesungen, getanzt und Theater gespielt. Ich wfcrde mich fcber eine Fortsetzung freuen, aber das liegt nicht in euern He4nden.Dann freue ich mich auf weiter tolle Fotos aus der ganzen Welt.Liebe GrfcdfeNathalie


