Identität verändern?


„Ich kann mich absolut mit meiner Firma und was dort läuft, identifizieren“. „Ich identifiziere mich mit dem Gedankengut von Herrn Maier, er ist wirklich mein Vorbild“. „xxxxx ist der beste Automobilhersteller der Welt, ich finde es toll, was die machen“. „Ich identifiziere mich mit meiner Arbeit, mit dem, was ich mache und wie ich es machen kann“.

In diesen Beschreibungen ist immer wieder die Verknüpfung einer Person mit anderen Personen oder mit Handlungen vorhanden. Etwas, was der jeweilige Mensch selbst nicht erbringen kann, wird einfach von anderen „zugekauft“. Dieser „Zukauf“ bewirkt die Illusion, mit dem Vorbild auf einer Stufe zu stehen. Abgeleitet vom lat. „idem“ = derselbe und „facere“= machen, soll Identifikation als „gleichsetzen“ verstanden sein.

Identifikation und Identität hören sich als Begriffe sehr ähnlich an, sind aber doch auseinanderzuhalten. Nachfolgend geht es um die Identität.


Sind Veränderungen immer positiv zu sehen?

Wenn Freunde, Bekannte, Familienmitglieder sich nach längerer Zeit wieder einmal treffen und der Spruch kommt: „Mein Gott, du hast dich ja gar nicht verändert!“, dann kann das sowohl positiv als auch negativ verstanden werden. Geht es um frühere mehr oder weniger schlechte Eigenschaften, ein früheres schlechtes Verhalten oder ein entsprechendes - nicht so sehr optimales - Aussehen, so sind diese Äußerungen nicht besonders positiv. Ist es dagegen eine Beschreibung von Eigenschaften, die man als sehr positiv in Erinnerung behalten hat und die nach langer Zeit immer noch spontan erkennbar sind, so kann diese Aussage als sehr positiv aufgenommen werden. Insbesondere Damen möchten beispielsweise den Zustand der jugendlichen Schönheit und Attraktivität sehr lange festhalten – weil die Gesellschaft es so will, nicht, weil es keine Schönheit oder Attraktivität im Alter gibt. Es wird herumoperiert, bis das eigentliche durch das Leben geprägte Gesicht / der Körper nicht mehr erkennbar ist. Wenn man sich also mit der Identität - der erneuten Erkennbarkeit - beschäftigt, muss man sich zwangsläufig auch mit dem Begriff der Zeit auseinander setzen. (Dies wäre Thema eines Extrakapitels).

Eine weitere zu klärende Frage besteht darin, wie man sich verhalten soll, wenn man sich NICHT mit der Firma, mit den Verhaltensweisen eines anderen Menschen etc. identifiziert, aber es aufgrund der äußeren Randbedingungen aber notgedrungen tun muss, um selbst keinen Nachteil zu erfahren.

Es geht um die Identifizierbarkeit, um das „Erkannt werden“, oder „wieder erkennen“ und um die Identität- das, WAS erkannt werden sollte.

Wenn ein Mensch - und es geht in diesen Beschreibungen nur um Menschen - wieder erkannt werden soll, muss er folglich vorher erkennbar gewesen sein, das heißt eine Identität gehabt haben. Das ist nur logisch.

Müsste es demzufolge dann so sein, dass ein Mensch sich nicht verändern dürfte, um immer wieder erkannt zu werden? Natürlich nicht, denn jeder verändert sich sicherlich in den unterschiedlichen Lebensphasen hinsichtlich des Aussehens, der Überzeugungen und der Zuordnung zu bestimmten gesellschaftlichen Gruppen. Was bleibt folglich also übrig, um einen Menschen im Erwachsenenalter nach längerer Zeit schnell wieder zu erkennen?

Einerseits sind es gewisse Äußerlichkeiten, wie die Art der Sprache, bestimmte Körperbewegungen, der Gang und die Art und Weise, wie kommuniziert wird. Andererseits sind es auch Kennzeichen, die aber erst durch etwas längeren Kontakt und nach einigen Gesprächen auffallen, die an einen früheren Zustand erinnern. Gelegentlich ist dies aber unerwünscht. Nicht immer wollen Menschen an frühere Zeiten erinnert werden, wie beispielsweise Menschen, die sich aus einfachen Verhältnissen „hochgearbeitet“ haben und ihre Eltern und frühere Freunde nun verleugnen. Auch der „ererbte“ Status, das Image des Elternhauses gehört dazu.

Ist es denn möglich, seine eigene Identität bewusst zu verändern? Selbstverständlich! Stellt man sich beispielsweise einen Menschen vor, der von Natur aus eher zurückhaltend und introvertiert lebt. Er fühlt sich aber in dieser Haut nicht wohl und möchte dies ändern, weil er merkt, dass er im beruflichen und persönlichen Umfeld nicht wirklich akzeptiert ist und nicht erfolgreich sein kann. Er kann durch externe Hilfe, durch einen Coach, durch Teilnahme an Seminaren und der Suche nach Kontakt zu extrovertierten Menschen, also durch bewusstes Lernen einen großen Teil dieser für ihn wünschenswerten Verhaltensweisen übernehmen. Eine Krise, ein Anreiz, ein wirklich drängendes Verlangen oder ein empfundener Leidensdruck ist neben der Kritikfähigkeit eine Voraussetzung dafür, bewusst angestrebte Veränderungen einzuleiten. Dazu gehört Eigeninitiative und selbstverständlich auch etwas Mut, nämlich der Mut, die alten Zöpfe abzuschneiden, nicht so sehr die neuen Zöpfe zu flechten. Halbschwanger geht nun einmal nicht.

Die Initiative, sich in ein anderes Licht zu setzen, entsteht aus einem Wunschbild heraus, wie die Person gerne von anderen gesehen werden möchte. Das gewünschte Eigenbild ist meist der Motor dafür, wie sich ein Mensch in den Gestaltungsfreiräumen seines Lebens entwickeln wird. Dabei sind natürlich keine Illusionen aufzubauen, denn einige Verhaltensweisen und gedankliche Ausrichtungen werden beim Menschen bereits in den ersten 10 Lebensjahren in das weitere Entwicklungsskript eingeschrieben. Auch das grundsätzliche Temperament (Phlegmatiker, Choleriker, etc.) ist festgelegt und nur in Nuancen zu verändern.
Wenn sich jemand bewusst verändern möchte, weil er mit seiner eigenen Identität unzufrieden ist, so sind auf diesem manchmal relativ lang andauernden Weg einige Grundsätze zu beachten. Der wichtigste Grundsatz dabei lautet:

Ich verbessere meine Fähigkeit, selbst über mich zu bestimmen, ich reduziere die Ansätze der Fremdbestimmung von außen, ich werde konsequenter und entziehe mich den Verlockungen, nur dem kurzfristigen externen Applaus zu folgen.

Um die wahre Identität herauszufinden, sind folgende Fragen hilfreich. Sie sind allein oder besser noch zusammen mit einem vertrauten Menschen zu beantworten:

Wie sehe ich mich selbst?
(Damit wird das Selbstbild angesprochen, diejenige Person, für die man sich selbst hält. Wer kann sich schon objektiv richtig beschreiben?)
Wie wäre ich gerne?
(Hier wird das Idealbild angesprochen, nämlich diejenige Person, die man gerne wäre. Die Kritikpunkte (Selbstreflektion) werden aufgezählt.)
Wohin werde ich mich entwickeln?
(Dies ist das Zukunftsbilds der eigenen Person, die man zu werden glaubt. Berufliche und persönliche Ausrichtungen müssen im Einklang sein.)
Wer bin ich zurzeit wirklich?
(Das ist die Personenbeschreibung - manchmal ernüchternd - in der Realität)
Womit identifiziere ich mich?
(Das Identifikationsbild beschreibt die Identifikation mit anderen Menschen, mit Gedanken, Verhaltensweisen oder auch Charaktereigenschaften)
Wofür halten mich andere?
(Das Fremdbild wird von anderen Menschen für eine Person festgelegt, ob man es gut und richtig findet oder nicht.)
Wie möchten mich andere haben?
(Das Erwartungsbild beschreibt die Erwartungen anderer Menschen an die Person. Häufig ein ewiger Prozess in Partnerschaften)
Wie wirke ich als Mann oder Frau?
(Das „Wirkungsbild“ zeigt die Attraktivität auf das andere Geschlecht.)
Wer bin ich von Natur aus?
(Das Wesensbild beschreibt die Person, die man von Natur aus ist. z. B. gutmütig, neugierig, etc.)
Was könnte ich meinem Wesen entsprechend werden?
(Das Entwicklungsbild bezogen auf das natürliche Wesen. Vielleicht steckt man zurzeit in einer Einbahnstraße der persönlichen Entwicklung.)

„Sich zu verändern ist doch kein Problem, man muss nur richtig analytisch nachdenken, wohin man will...“, sagte vor einiger Zeit ein aufstrebender Jungmanager. Damit meinte er eigentlich nur seinen Anpassungsvorgang, den er für selbstbestimmt hielt.

Intelligenz und eine analytische Denkfähigkeit ist keinesfalls ein Garant dafür, persönlichen, beruflichen oder gesellschaftlichen Erfolg durch eine – möglicherweise - angepasste Identität zu haben. Die Frage nach der Identität ist keine Sachfrage. Emotionale Intelligenz, dieser Begriff ist seit einigen Jahren bekannt, fördert den persönlichen Entwicklungsvorgang. Dazu gehört auch die Empathie - das Einfühlungsvermögen in andere Menschen. Intelligenz ist eher auf die eigene Person bezogen, die Empathie bezieht andere Menschen in das eigene Leben mit ein. Daher wird jemand, der sich nicht für so ganz schlau hält, keine großen Probleme haben, intelligentere Menschen in Fragestellungen des eigenen Lebens einzubinden.

Das Ziel der Selbstreflektion kann nur darin bestehen, die gelebte (von außen erkennbare) Identität mit der inneren Identität in Einklang zu bringen und sie dann auch zu halten.


Was bleibt übrig?

Bei der Frage nach der Identität entsteht häufig eine Verwechslung mit der Frage nach dem aktuellen Status in der jeweiligen Phase des Lebenszyklus eines Menschen. Wie schon erwähnt, ist die Frage der Identität nicht gleichzusetzen mit der Frage, wie ein einmal erreichtes "erfolgreiches" Image aufrechterhalten werden kann. Insbesondere haben Führungskräfte der Wirtschaft nicht selten Probleme damit, sich ohne den bisherigen "Applaus" (Anerkennung und Wertschätzung) von Kunden, Freunden / Bekannten oder Vorgesetzten in der Phase nach der aktiven Arbeit in der Berufswelt in ihrem Bekannten- oder Freundeskreis neu zu positionieren. Was bleibt vom Menschen über, wenn er sich nicht mehr durch seinen beruflichen Erfolg definieren kann? Was bleibt über, nicht mehr die Macht ausüben zu können, die zum beruflichen Erfolg und zur Karriere geführt haben? Was bleibt über, wenn die erarbeiteten finanziellen Mittel als wesentliches Alibi für gesundheitliche Schäden, für emotionale Schäden (Alkoholsucht, mehrfache Eheschließungen, etc.) herhalten müssen? Ist in diesem Falle nicht die Frage nach der Identität zu stellen, sondern die Frage nach der Korruptheit dem persönlichen Umfeld gegenüber? Wem möchte man jetzt und in der weiteren Zukunft gefallen?

Dem Autor fällt in diesem Zusammenhang der Film: "Tod eines Handlungsreisenden" ein. Auch hier bestand die Problematik darin, Misserfolge durch Überheblichkeiten und Verleugnen der realen Situation zu kompensieren. Schwäche zugeben: Nein danke! Inkompetenz zugeben: niemals! Überforderungen: „… ich bin noch immer fit!“


Reaktionen

Meist hat aber die Umwelt längst verstanden, dass sich für diesen Menschen etliche Veränderungen ergeben haben. Eine Identitätsveränderung findet statt und hat schon stattgefunden. Je nach Beziehungstiefe reagieren Menschen in der Umwelt beginnend von unterschiedlichen Varianten der Ablehnung bis hin zur verzeihlichen Nachsicht. Sympathie und Respekt und teilweise auch etwas Mitleid mit dem jeweiligen Menschen stehen dabei nicht im Widerspruch zur Honorierung der Leistungen der Vergangenheit. „But, it is over…“. Meist jedoch wird es beim betroffenen Menschen nicht so aufgenommen und erst recht nicht so verarbeitet. Das Festhalten am selbst gewählten Fremdbild lässt Korrekturen kaum oder schwerlich zu. Die Selbstschutzmechanismen wirken stärker als die logischen Erkenntnisse. Kritische Betrachtungen von wohlgesonnenen Menschen werden nur bedingt akzeptiert, in ihrer Argumentation verneint, obwohl erkannt worden ist, dass hier ein Bedarf zum Nachdenken gegeben ist.


Konflikte

Menschen, die noch im Berufsleben stehen, und sich aus vordergründigen Motiven (Versorgung der Familie, Einkommenssicherung grundsätzlich, Angst vor "nicht mehr gefragt sein", etc.) mit Situationen auseinandersetzen müssen, einen Teil ihrer Überzeugungen und Auffassungen aufzugeben, leben in einer Konfliktsituation. Insbesondere in Konzernen sind nicht selten Strukturen festzustellen, die bei Führungskräften und Mitarbeitern mehr der Selbstdarstellung und der Machtorientierung dienen, als zum wirtschaftlichen Fortschritt der Firma führen. Konzeptionelles Blendwerk zu erstellen und eine entsprechende Eloquenz dazu, verdeckt gelegentlich mangelnde Fachkompetenz und fehlende Pragmatik.

Weitere Informationen:
Grundsätzliches zu Identität
Identität und Unternehmensentwicklung



© UPD Unternehmensberatung Dr. Deubel
Im Text wurde aus Gründen der Lesbarkeit weitgehend darauf verzichtet, die weiblichen Formen von Managern, Mitarbeitern, Lehrern, Schulleitern zu nennen. Natürlich sind sie auch gemeint.




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