Was ist Aufschieberitis? (Procrastination)
These: Ein Mensch schiebt nichts auf, was er
a) wirklich oder angeblich beherrscht,
b) seine Kompetenz und das Eigenbild nicht verletzt,
und
b) eine selbst gesetzte oder extern definierte Dringlichkeit beinhaltet.
Oft genug wird aber die eigene Vorstellung - etwas zu beherrschen oder "Im Griff zu haben" von der Realität eingeholt. Die Vorstellung "… ich kriegt das schon hin, ich weiß auch schon, was ich tun muss …" wird bei der wirklichen Umsetzung gelegentlich Irritationen oder auch Panikattacken auslösen, weil es eine falsche Einschätzung der Situation gab. Aktionismus tritt an die Stelle der Systematik. Oft genug erzeugte das selbstdefinierte Eigenbild eine gewisse Immunität hinsichtlich der konkreten Beurteilung der Situation. Erst recht, wenn andere Personen auf eine Dringlichkeit hingewiesen haben und diese Hinweise nicht verarbeitet werden konnten oder nicht verarbeitet werden wollten.
Die emotionalen Faktoren wie Stolz, Eitelkeit, mangelnde Konfliktfähigkeit und mangelnde Veränderungsbereitschaft bilden folglich nur die Grundlage dafür, die "Schuld" für die oberflächlichen und unzureichenden Entscheidungen oder oberflächlichen Umsetzungen von Tätigkeiten / Konzepten / Vorhaben bei den Umständen oder anderen Personen zu suchen. Bei Führungskräften, die spezifische Ziele erreichen wollen oder sogar müssen, findet dann ein Prozess statt, der in eine Einbahnstraße führt. Das Anspruchsniveau zur Feststellung der Zielerreichung wird immer weiter noch unten korrigiert, bis festgestellt wird, dass es "ja auch so ausreicht".
Eine andere Möglichkeit der Verleugnung unzureichender Selbsteinschätzung besteht darin, im Vorfeld einer - möglicherweise auch von einer externen Stelle - durchgeführten Evaluation oder Auditierung jetzt schon das Alibigerüst aufzubauen, warum etwas nicht gehen konnte. Der Effekt: ein Mittelmaß wird erreicht, aber keine Vorzeigeleistung.
Der Unterschied von Verschieben und Aufschieben.
Das Verschieben von Entscheidungen oder von Tätigkeiten ist etwas anderes als das Aufschieben. Der Unterschied besteht darin, dass ein Pseudosicherheitsgefühl beim Verschieben vorhanden ist. Angeblich ist das, was zu tun ist, bereits entschieden und konzipiert, ist aber lediglich in der zeitlichen Prioritätenliste anders zugeordnet worden. Es wäre also nur zu tun. Die Hilfsmittel: ein elektronisches Zeitmanagement, die üblichen Kalender oder Tagebücher, aber auch die Zettelwirtschaft oder einfach nur das Gedächtnis.
In der Regel verlaufen beim Aufschieben dagegen Ersatzaktivitäten, sonstige Beruhigungsrituale (Alkohol, Kekse oder Duftkerzen, etc.) oder autosuggestive Alibiformulierungen, warum - was auch immer - es im Moment eben nicht geht.
Es werden angeführt: allgemeine Müdigkeit, "Ausgelaugt-sein" bis hin zu Burn-out Empfindungen, aber selten oder niemals die persönliche Einschätzung: "Überfordert-zu-sein" oder die Erkenntnis von Inkompetenz. Das würde zu weh tun.
Eine große Rolle bei den Aufschieberitualen nimmt die mangelnde Konzentrationsfähigkeit ein. Es ist die Fähigkeit, alles auszublenden, was nicht dem direkten Ziel zuträglich ist. Je nach Aufgabenstellung, Dringlichkeit und Wichtigkeit lässt das Gehirn manchmal nicht zu "auf den Punkt zu kommen". Das Denken wird überlagert von Ängsten, von Skrupeln aller Art, die oft etwas damit zu tun haben, den Sinn der gerade aktuellen Aufgabenstellung nicht erkennen zu können.
Wie sollte die persönliche Aufschieberitis kommuniziert werden? Sollte man es überhaupt mit jemandem besprechen oder diskutieren?
Eine sehr persönliche Fragestellung. Die Kommunikation ist wohl nur mit anderen Personen möglich, die entweder eine fachliche Autorität oder eine Beziehungsautorität für den Fragesteller haben. Dies können Ärzte, Psychologen, Unternehmensberater (die sich auf diese Thematik eingestellt haben) oder auch Menschen sein, mit denen eine persönliche Beziehung gepflegt wird.
Diese Gespräche verlaufen sehr häufig nicht konfliktfrei. Der Betroffene neigt verständlicherweise immer dazu, abzuwiegeln und voller Überzeugung Gründe dafür zu nennen, warum etwas jetzt nicht geht. Fehlende Methodenkenntnisse (Arbeitstechnik), zu starke Ausrichtung auf operationale Ziele durch Unkenntnis der Zusammenhänge von Problemen oder mangelnde Bereitschaft, sich mit neuen Sichtweisen auseinanderzusetzen können als Ursache für Aufschieberitis vorliegen. Der Zuhörer (Coach) versucht, durch eine Spiegelfunktion die Situation sichtbar zu machen. Wie bereits angeführt, mit der Standardantwort: „nein, das stimmt nicht“. Aber genau dann ist zu reagieren.
Argumente werden angeführt, wie beispielsweise:
- Was soll ich denn sonst noch alles machen? Der Tag hat nur 24 Stunden!
- Ich habe die Liebe zu meinem Beruf verloren. Ich fühle mich fremdbestimmt.
- Ich verstehe nicht mehr, was in meiner Firma, in meiner Organisation, in meiner Schule zurzeit abläuft.
- Ich komme nicht mehr damit zurecht, dass meine Mitarbeiter in Teilbereichen besser informiert sind, als ich selbst.
- In Wirklichkeit akzeptiere ich keine externen Autoritäten, ich bin besser als alle anderen. (Berater, Auditoren, Vorgesetzte - die ich nicht persönlich kenne).
- In meiner Arbeitswelt habe ich keine Zeit für kritische Auseinandersetzungen. Mein Arbeitsalltag ist schon voll genug.
- Mich interessieren nicht die Lösungen anderer Organisationen, (Schulen, Vereine, etc.) weil wir eine besondere Situation haben!?
- Etc.
Erstellen Sie eine Checkliste
Wenn eine Person erkannt hat, dass es häufig – zu häufig – zu Verhaltensweisen kommt, wo zu erledigende Dinge aufgeschoben werden, obwohl sie doch zügig zu bearbeiten wären, wäre die Erarbeitung und Bearbeitung einer Checkliste eine Möglichkeit, ohne externe Hilfe zu eigenen Korrekturansätzen zu kommen. Dieser Situation geht von einem persönlichem Leidensdruck oder einer Ungeduld bei Neuorientierung aus. (Hinweis: Es muss schon eine gewisse Dringlichkeit oder Wichtigkeit haben, sich mit derartigen Fragestellungen auseinanderzusetzen, sei es als Mensch im persönlichen Bereich oder in einer beruflichen Führungsposition. Natürlich ergeben sich hier Überlappungen. Die persönliche Leistung besteht bereits in der Erarbeitung einer derartigen Checkliste)
Die nachfolgenden Fragen dienen als Anregung, wie eine derartige Checkliste (in diesem Fall ohne Clusterung) aufzubauen wäre. (lesen Sie auch, wie Fragebögen zu konzipieren sind)
Die Fragen sind so gestellt, dass sie mit ja oder nein beantwortet werden könnten. Sinnvoll ist in jedem Fall eine Spalte vorzusehen, in der auch Bemerkungen festgehalten werden können.
- Habe ich in der Vergangenheit überprüft, ob mein persönliches Eigenbild mit der Einschätzung von anderen Menschen (Fremdbild) übereinstimmt?
- (Falls zutreffend: Zu welchen Ergebnissen bin ich gekommen? Welche Bereiche wurden angesprochen?)
- Mit welcher Schulnote würden Mitarbeiter oder Kollegen meine Teamfähigkeit beurteilen? Gibt es Begründungen?
- In welchem Ausmaß beurteilen meine Mitarbeiter oder Kollegen meine Kontaktbereitschaft?
- Bin ich wirklich Konfliktfähig? Woran mache ich das fest? Wer bestätigt mir diese Einschätzung?
- Welche Kernkompetenz wird in meiner Organisation (Schule, Klink, Praxis, Firma …) von den Mitarbeitern und Kollegen gefordert? Wie sieht meine eigene Einschätzung dazu aus?
- Für welche Verhaltensweisen oder Sichtweisen halten mich meine Mitarbeiter oder Vorgesetzten für ein „Vorbild“?
- Angenommen, meine Sozialkompetenz ist nicht besonders ausgeprägt, reicht meine Fachkompetenz und meine Macht aus, um die nächsten Jahre erfolgreich zu gestalten?
Lesen Sie hier weitere Informationen zur Thematik des Aufschiebens.
