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Nachdenken

So nützlich und lebenserhaltend die bisherige Art des Wissens in der Vergangenheit gewesen sein mag, die Erfahrung zeigt, dass sie nicht dazu taugt, uns aus den Problemen der heutigen Situation herauszuführen
(Frederik Vester)

Um was geht es?

Möglicherweise ist es notwendig, die nachfolgenden Schilderungen mehrfach zu lesen, vielleicht kommt es dem einen oder anderen auch etwas theoretisch vor, aber trotzdem meine ich, dass es sich lohnt.
Als ich vor Kurzem bei einem Arzt war, kam die übliche Frage: "Wie fühlen Sie sich?", und damit war gemeint, in welchem "Krankheitszustand" ich mich meiner Ansicht nach befinde. Der Arzt wollte sich nach der Schilderung der Symptome ein Bild von meinem Zustand machen.
Woran es lag, weiß ich nicht mehr, aber plötzlich bekam die Fragestellung für mich eine ganz neue Bedeutung.
Wie unter dem Eindruck einer Zeitlupe habe ich diesen Satz gleich mehrfach gehört:

1. WIE fühlen Sie sich?
2.
Wie FÜHLEN Sie sich?
3. Wie fühlen SIE sich?
4.
Wie fühlen Sie SICH?

Ich fühle mich nicht

Mir fiel auf, dass ich mich überhaupt nicht gefühlt habe, da, wenn ich mich recht erinnere, "Fühlen" einer der fünf Sinne (Hören, Sehen, Schmecken, Tasten, Riechen) ist. Gefühlt wird doch meist mit den Extremitäten, also den Fingern und den Füßen, seltener mit dem ganzen Körper. Die Finger sind die sensibelsten Organe, die wir beim Fühlen einsetzen. Sie fühlen zunächst unsere eigene oder eine andere Haut. Fühlen ist also ein haptischer Vorgang, man muss etwas anfassen – in diesem Falle sich selbst -, um sich zu fühlen.
Wenn man etwas anfasst, be-greift man es auch.
Greifen Sie sich einmal mit der rechten Hand an die linke. Durch das Begreifen kann man auch etwas fühlen.

Nein, ich hatte mich nicht gefühlt, als die Frage des Arztes kam, sondern ich hatte nur eine Empfindung, eine diffuse, nicht klar definierbare Empfindung.

Als nach der fachlichen Diagnose und der Empfehlung einer bestimmten Therapie noch Zeit im Patientenwarteraum verblieb, ging mir die Frage nicht aus dem Kopf.
Ich habe versucht, die Betonung immer auf eines der 4 Worte zu legen, und da kamen ganz unterschiedliche Ergebnisse zustande.

1. WIE fühlen Sie sich?

Beim schnellen Reflektieren der Anfrage, wie ich mich denn fühle, habe ich mich in der Tat gefragt, "wie", also in welcher Art und Weise ich mich fühle. Eigentlich müsste die Frage dann lauten: Durch was fühlen Sie sich, durch was nehmen Sie sich wahr?
Übrigens: Der Begriff "Wahrnehmung" bedeutet, etwas als wahr, also für richtig zu nehmen.

Mir wurde dann bewusst, dass ich mich dadurch fühle, in welchem Ausmaß ich für bestimmte Tätigkeiten Zustimmung oder Ablehnung von meiner Umgebung bekomme. Ich fühle mich dadurch, dass ich bei der Kommunikation mit anderen Menschen oft provoziere, um Meinungen und Ansichten mitgeteilt zu bekommen.
Um sich zu fühlen, ist also ein Feedback, eine Rückkopplung absolut notwendig. Kommt das Feedback nicht freiwillig, muss es abgefordert werden, und dazu gibt es eine Unzahl von Spielregeln, die von altruistischen Einstellungen über das Understatement und der Selbstverleugnung bis zum Narzissmus reichen.
Mit meinen oben geschilderten "Fühlmechanismen" habe ich sicherlich keine Alleinstellung, denn jeder Mensch fühlt (bestätigt) sich durch Anerkennung oder soziale Akzeptanz jeglicher Art. Daher ist der Entzug sozialer Kontakte oder im Extrem der Liebesentzug vernichtende Strafen.

Jeder hat so seine Routinen des Fühlens und damit der Selbstbestätigung, die sich aus der persönlichen Lebensentwicklung und Lebenserfahrung entwickelt haben.

Eine besondere Spezies von Menschen fühlt sich im Extremsport, um zu beweisen, dass sie ihren Körper beherrschen. Andere fühlen sich dadurch, ihre emotionale Macht über andere Menschen zu genießen, und wieder andere fühlen sich dadurch, für ihr Aussehen Applaus zu bekommen.
Auch das "Parallele-Leben" von Beruf – Familie (Partnerschaft) – Hobby führt gelegentlich zu einem berührungslosen Eigenleben. Viele Männer gehen in ihren Berufen und dem damit verbundenen Status auf, eine kleinere Anzahl von männlichen Ehepartnern sucht die Bestätigung in der Familie, und die letzte Kategorie lebt durch oder für ihr Hobby.

Natürlich kann man diese Systematik auch auf die Belange der Damen übertragen.

Mir ist klar geworden, dass man sich dann fühlt, wenn es gelingt, sich seiner eigenen Identität klar zu werden, mit all den Schwächen und natürlich auch mit den Stärken, die jeder Mensch irgendwo hat, egal, ob sie bereits entdeckt sind oder nicht.

Sich selbst mit einer positiven und bestätigenden Erkenntnis fühlen zu können, ist überlebenswichtig.

Es ist daher besser, einen erkennbaren Standpunkt zu haben, für den man (natürlich?) auch eintreten sollte - so wie Luther es vor etlichen Jahren bereits gesagt haben soll: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders …" - als sich ständig um den Applaus von Menschen zu bemühen. Bei aufmerksamer Betrachtung ist er oft sowieso ein "durchlaufender Posten". Menschen, die in „guten Zeiten“ da sind, sind nur dann gute Menschen, wenn sie auch bei auftauchenden Problemen noch da sind. Dann passiert das, was möglichst zu vermeiden ist: Man spürt sich, und das, was man spürt, ist nicht der Mensch an sich, sondern nur die äußere Hülle davon.

2. Wie FÜHLEN Sie sich?

Man könnte auch fragen: Welche Vorgänge laufen bei einem "Fühlvorgang" ab?
Führt man diesen Gedanken weiter aus, stellt sich die Frage, wenn ich mich berühre, also gefühlt habe, was das Ergebnis dieser Berührung ist. Es muss dabei nicht unbedingt das physische, sondern es kann auch das seelische, das emotionale Berühren sein.
Auf die medizinischen Abläufe in unserem Körper und insbesondere in unserem Gehirn möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

Es gibt drei Möglichkeiten:

1. Ich fühle und spüre mich ohne weitere Emotionen (ich stelle nur fest, dass ich da bin).
2. Ich fühle und es tut mir selbst weh oder es tut mir sehr gut.
3. Ich fühle und ich merke überhaupt nichts.

Wie schon erwähnt, ist die Empfindung, sich zu spüren, sowohl ein physischer als auch ein emotionaler Bewusstseinsbildungsvorgang und Rückkopplungsvorgang. Man merkt, dass man da ist. Hospitalisten tun dies beispielsweise durch das Stoßen des Kopfes an eine Wand oder einen sonstigen harten Gegenstand. Der Schmerz ist die Bestätigung dafür, dass man lebt.
Einer der Hintergründe für Hospitalismus (Krankenhauspsychose) ist die Gefühlsarmut, die diese Menschen empfinden, und die sie kompensieren müssen.

3. Wie fühlen SIE sich?

Die Betonung liegt hier auf "SIE". Wen denn sonst?
In vielen gesellschaftlichen Organisationen, in Freundeskreisen, bei Partys oder sonstigen Festivitäten, ist die Frage "wie" fühlen sie sich? oder die vergleichbare Frage "wie geht es Ihnen?" insgeheim immer die Grundlage dafür, sich selbst offenbaren zu können. Es geht nicht darum, von dem anderen etwas zu erfahren, was wirklich wichtig ist, sondern den Anschein zu erwecken, wirklich kommunizieren zu wollen, damit man vom Gegenüber etwas erfährt, was zur Bestätigung der eigenen Außergewöhnlichkeit dient. Es geht oft darum, darüber zu berichten - und dies möglichst mit einer Unterbetonung und einer bewusst gespielten Unwichtigkeit - was man gerade macht, und welche Erfolge man in der letzten Zeit hatte.
Jeder Pfau muss bei den Vergleichsritualen mit anderen Pfauen sein Rad schlagen, es ist nur manchmal zu fragen, ob es die eigenen Federn sind, oder wer oder was die Federn sind.

4. Wie fühlen Sie SICH?

Das ist eine ganz andere Facette in der Fragestellung. Es geht zwar offensichtlich in der Fragestellung um mich, denn ich werde gefragt, wie ICH mich fühle. Die andere Fragestellung würde lauten, wie ich den anderen Menschen fühle. Ein ganz anderer Aspekt.

Wie fühlen wir andere Menschen?
Die anzustellenden Überlegungen lenken hin zur Empathie, da die persönliche Situation nicht gefragt ist, sondern die Anteilnahme oder die Empathie einem anderen Individuum gegenüber.

Zusammenfassung.
Es war ein ganz trivialer Satz, den ich nur ein wenig überdacht habe. Was ich aus diesen Überlegungen ableite, ist Folgendes:

Es wäre wünschenswert, sich ab und zu im aktiven Zuhören zu trainieren. Suchen Sie sich dazu einen guten – vielleicht auch unbequemen – Sparringspartner, der Ihnen nicht nur nach dem Mund redet.
In unserer heutigen Zeit, die voll von Informationen ohne wirkliche Inhalte ist, besteht ein hohes Risiko darin, die äußere Hülle von etwas als die alleinige Wirklichkeit zu akzeptieren. Da wir satt sind und in vielen Fällen auf relativ hohem Niveau "leiden", was den Konsum und die Konsummöglichkeiten betrifft, sollten wir daher gelegentlich eine Diät machen. Es geht bei dieser Diät nicht um den Speck auf unseren Hüften, sondern darum, uns von überflüssigen Ansichten, Meinungen und Kommunikationsritualen zu trennen, die wir nicht mehr wirklich brauchen. Dazu habe ich im Artikel über die "Müllabfuhr" bereits etwas gesagt.

Wirklich jemandem zuzuhören (d. h. ihm sein Ohr zu schenken), ohne gleich alle antrainierten Rhetorikregister zu ziehen, fördert menschliche Beziehungen und verhindert, sich in Selbstdarstellungen zu verzetteln. Oft entsteht die Frage, mit wie viel "Kommunikationsschrott" wir uns teilweise herumschlagen müssen.

In diesem Sinne trennen Sie Ihren Informationsmüll und vermeiden Sie Kommunikationsschrott.


© UPD Unternehmensberatung Dr. Deubel
Im Text wurde aus Gründen der Lesbarkeit weitgehend darauf verzichtet, die weiblichen Formen von Managern, Mitarbeitern, Lehrern, Schulleitern zu nennen. Natürlich sind sie auch gemeint.


Wie fühlen Sie sich?

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